Der Metzgergesell

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Eines armen Sauhirten Sohn hatte die Metzgerei gelernt, weil er höher hinauswollte als sein Vater und nicht zufrieden damit war, die Stelle von dem Alten zu erben. Da der Junge nun ausgelernt und es zu etwas Rechtem in seinem Handwerk gebracht hatte ging er hinaus auf die Wanderschaft. Als er noch nicht weit von seinem Ort weg war und über eine große Heide ging, sah er einen gefallenen Ochsen am Wege liegen und fünf Tiere dabei stehen die ihn untereinander teilen wollten und nicht einig darüber werden konnten. Das war aber erstens eine Biene, zweitens ein Fuchs, dann noch ein Windhund, ein Falk und ein Löwe; die gingen ihm entgegen und baten ihn er sollte ihnen aus der Not helfen. Da zog er sein großes Schlachtmesser, zerlegte den Ochsen ordentlich nach der Handwerksregel und teilte dann die Stücke unter die fünf Tiere aus. Die Biene bekam den Kopf um hinein zu bauen, und also ein jedes nach seiner Art dasjenige Teil, welches sich am besten für es schickte.
Der Metzger ging nun wieder seines Weges, während sich die Tiere über das Fleisch hermachten; er war aber kaum tausend Schritte gegangen, so kam der Windhund hinter ihm hergelaufen, holte ihn ein und sprach, er solle noch ein Mal mit ihm umkehren zu den Andern. Als sie wieder hinkamen, wo die Tiere waren, da sprachen sie alle, sie hätten vergessen, sich bei ihm zu bedanken, Geld hätten sie keines, aber das wollten sie ihm verleihen, dass er die Gestalt von einem jeden der fünf Tiere annehmen könnte, so oft er sich in Gedanken dazu wünschen wollte. Das war er zufrieden, bedankte sich und nahm den Weg zwischen die Beine. – Nicht lange darnach kam er in das große Königreich Sizilien, und als er gerade zum Stadttor der Hauptstadt hineinging, hörte er einen Ausrufer verkündigen, dass jeder des Todes sein solle, der einen Apfel von des Königs Granatbäumen hole. Denn es waren nur zwei solcher Bäume im Land, die standen vor des Königs Fenster und er hielt große Stücke darauf.
Weil nun nichts so gut schmeckt, als das Verbotene, so dachte der Metzgerbursch gleich in seinem Vorwitz, er müsse die Granatäpfel versuchen, ob sie wirklich so gut seien. Also wünschte er sich, dass er ein Falk wäre und bei dem bloßen Gedanken schon war es geschehen. Er schwang sich in die Luft, flog auf einen von des Königs Granatbäumen, fraß von den Äpfeln und schaute zum Fenster hinein. Drinnen in dem Schloss saßen sie gerade an der Tafel und hatten vor sich Gesottenes und Gebratenes stehen; als ihm das in die Nase kam, wollten ihm die Äpfel nicht mehr schmecken. Da ward sein Vorwitz so groß, dass er zum Fenster hineinflog, ein gebratenes Huhn von der Schüssel nahm und wieder damit hinauswollte. Doch des Königs Töchterlein schlug schnelle den Fensterflügel zu, und nun war er gefangen.
Das sollte ihm aber zum Glück gereichen, denn die Prinzessin ließ ihrem Vogel Nichts zu leide tun, sondern hing ihn in einem schönen Bauer in ihrer eignen Schlafkammer auf. Die Nacht nun, da sie im Bette lag und schlief, flog er als Biene durch das Käfichtgitter, trat dann in Menschengestalt zu ihrem Lager und umarmte und küsste sie auf ihren roten Mund. Die Königstochter fuhr aus dem Schlaf empor und schrie nach Hülfe – doch bis der alte König mit seinem Hofstaat hereingelaufen kam, saß er schon wieder als Falk in seinem Bauer, hatte den Kopf unterm Flügel und tat, als ob er schliefe, also dass der König glaubte, die Prinzessin hätte nur geträumt, und sie tüchtig ausschalt wegen ihrer Ängstlichkeit.
Kaum waren die Anderen wieder weg, so wünschte er sich wieder zur Biene, kroch aus dem Käfig und trat als Mann zu der Königstochter und küsste sie wiederum. Anfangs wehrte sie sich seiner, getraute aber nicht zu schreien; bald jedoch, als sie merkte, dass er ihr Nichts zu Leide tat, wurden sie eins miteinander und blieben wonneselig beisammen bis zum Morgen.
Also war er heimlich mit der Prinzessin vermählt und lebten sie zusammen fast ein Jahr lang, ohne dass jemand im Hause dessen gewahr wurde. Endlich trug es sich zu, dass die Prinzessin einen Knaben gebar, und nun war die Sache freilich nicht mehr zu verheimlichen. Sie gestand ihrem Vater Alles. Der König war Anfangs sehr erzürnt, doch was war noch zu machen? Es war zu spät, um es zu ändern, also gab er seinen Segen dazu, ließ das Paar ordentlich trauen und ernannte den Schwiegersohn zu seinem Nachfolger.
Mit der Königstochter hatte es aber eine eigene Bewandtnis, denn der junge Erbprinz ward nun ernstlich verwarnt, nicht mit seiner jungen Frau in den Wald spazieren zu fahren. Sonst überall hin, aber im Wald würde der Wind sie hinwegführen.
Darüber lachte der Metzgerbursch; seine Neugierde und sein Vorwitz ließen ihn auch nicht eher ruhen, als bis er in dem Walde war. Sie fuhren ganz vergnügt unter den grünen Bäumen her. Da kam es aber mit einem Male heran wie ein starker Sturm, und ehe er es sich versah war seine Frau von dem Wind aus dem Wagen gehoben und hinweggeführt.
„Wiederhaben muss ich sie“ sprach er, „sie mag stecken wo sie will.“ Also ließ er die Kutsche leer nach Hause fahren, verwandelte sich in einen Windhund und lief so schnell er konnte davon, in der Richtung, in der er sie hatte verschwinden sehen. Er lief und lief bis ihn die Beine nicht mehr tragen wollten, und gelangte endlich vor einen Berg. Den betrachtete er auf und ab, konnte aber in der glatten Felsenwand kein Tor und keine Tür finden, nur einen ganz engen Riss sah er endlich zwischen dem Gestein. Da wünschte er sich wieder die Bienengestalt und kroch so in die dunkle Felsenspalte und immer tiefer in den Berg hinein. Als er aber ganz darinnen war, nahm er die Gestalt des Falken wieder an und flog hinab bis in die unterste Welt. Die Stelle, wo er niederkam bezeichnete er sich vorsichtig mit einem Stein, um den Weg auch wieder hinauf zu finden und lief dann als Windhund weiter.
Da er ein gutes Stück gelaufen war, kam er vor ein wunderschönes Schloss, es war aber rings so wohl mit starken Toren verschlossen, dass er anfangs nicht wusste hineinzukommen; nur einen freien Eingang gab es, das Schlüsselloch nämlich; durch das kroch er denn auch in Bienengestalt hinein. Wer aber drinnen in dem wunderschönen Schlosse saß das war Niemand Anderes als seine liebe Frau, da nahm er seine natürliche Gestalt an und ging zu ihr. „Bist du es oder bist du es nicht?“ sprach er. „Ich bin es“ sagte sie, „aber ich bin hier in eines Riesen Gewalt, der kommt einmal bei Tag und einmal bei Nacht, jedes Mal um elf Uhr und dann muss ich ihm den Kopf kraulen bis um zwölf.“
Es dauerte nicht gar lang so kam der Riese nach Haus. Der Metzgerbursch aber verwandelte sich schnell wieder in die Biene und setzte sich auf den Tisch unter die Brotkrumen. „Wie kommt das Tier herein?“ sprach der Riese und schlug darnach, doch die Biene war flinker, als er. Da brummte der Riese etwas in den Bart, legte sich dann hin, mit dem Kopf in den Schoß der Königstochter und ließ sich den Kopf von ihr kraulen bis um zwölf Uhr.
Als er wieder fortgegangen war, gab der Erbprinz seiner Frau einen guten Rat und sprach also zu ihr: „Wenn er wiederkommt, so stelle dich, als ob du schliefest und wenn er dich dann weckt, so erzähle ihm, du hättest einen schlimmen Traum gehabt. Fragt er dann weiter nach dem Traum, so erzähl‘ ihm, es sei dir im Schlafe vorgekommen, als wäre er gestorben und du wüsstest nicht, wie du herauskommen solltest aus dem Schloss.“
Also wie er geraten tat sie am andern Tage und es gelang wohl, denn da sie der Riese nach ihrem Traum fragte, fing sie an zu weinen, erzählte ihm, was sie im Schlafe für einen Schrecken ausgestanden hätte über seinen Tod und fragte ihn, ob sie denn all ihr Lebtag hier in dem Schlosse müsse gefangen bleiben, wenn er wirklich ein Mal sterben sollte?
„Ei du Närrin“ sprach er, „ich kann ja gar nicht sterben. Aber bei dem König von Sizilien ist ein Drache mit drei Köpfen, wer den erschlägt kann auch mich totschlagen, sonst Keiner, und von selber sterbe ich nicht.“
Das merkte sich der Prinz, der als Biene zuhörte, und freute sich, dass er nun das Geheimnis heraus hatte; die junge Frau musste dem Riesen wieder eine Stunde lang den Kopf im Schoß kraulen, dann ging er hinweg. Da sprach der Prinz zu ihr, er sei nun fest entschlossen, den Drachen in Sizilien aufzusuchen; sie nahm mit vielen Tränen Abschied von ihm und er kroch dann als Biene zum Schlüsselloch hinaus wie er hereingekommen war. Draußen ward er zum Windhund und lief bis an den Stein, den er sich zum Zeichen hingelegt hatte, ward dann zum Falken und flog hinauf und kroch zuletzt wieder als Biene aus der Felsenspalte hervor.
Nach Sizilien war es weit; er musste lange wandern, über Strom und Meer, über Berg und Tal bis er hinkam. Als er sich nun erkundigte, wie es mit dem Drachen eigentlich aussehe, erfuhr er, dass er allerdings drei Köpfe hatte und dass ihm jeden Tag, Morgens um 9 Uhr, des Königs Schweinherde musste vor die Stadt getrieben werden, damit er sich neun Stück davon auslesen konnte. Es waren aber jetzt in dem ganzen Land nur noch 36 Stück Schweine und Alles hatte Angst, dass der Drache anfinge Menschen zu fressen, wenn er sein richtig Futter nicht mehr bekäme. Da ging der Metzgerbursch vor den König und bat sich die Erlaubnis aus, dass er des anderen Tages die Schweine hinaustreiben dürfte. Das erlaubte der König gern und versprach noch dazu die Hälfte seines Königreichs und seine Tochter zur Frau, wenn er das Ungetüm aus der Welt schaffen könnte.
Punkt 9 Uhr des anderen Morgens war der fremde Hirt mit den Schweinen vor dem Tor und gleich darauf kam auch schon der Drache, hatte wirklich drei Köpfe, einen immer schrecklicher als den andern und schrie den Prinzen an: „Du Sauhirt, gib mir neun von deinen besten Säuen.“ „Keine neun Sauborsten“ sprach der Metzger, verwandelte sich in einen Löwen und riss dem Drachen in einem Nu ein Haupt herunter, dass er mit schrecklichem Geheul davon lief. Als der Prinz heim kam ward er freudig vom König empfangen. „Weil du dem Drachen einen Kopf abgehauen hast, sollst du ein großes Fass voll Wein haben.“ Am zweiten Tage war er wieder Punkt 9 Uhr mit seiner Herde vor dem Tor; der Drache ließ auch nicht auf sich warten, kam noch trotziger einher, als des Tages zuvor und fuhr ihn mit lautem Gebrüll an.- „Du Sauhirt, gib mir achtzehn von deinen besten Säuen!“ „Noch keine achtzehn Sauborsten“ sprach der Metzgerbursch, ward zum Löwen und riss dem Drachen auch das zweite Haupt herunter. „Morgen kommen wir wieder zusammen!“ brüllte das Ungetüm und lief davon.
Sie kamen wieder zusammen am anderen Tage, aber der Drache verlor seinen letzten Kopf und hatte nun ein für alle Mal den Appetit nach Schweinefleisch verloren. Der Metzgergesell oder der Prinz, wie ihrs haben wollt, sollte nun auf der Stelle mit des Königs Tochter kopuliert werden. „Nichts für ungut“ sprach er, „aber ich habe schon eine Frau; sie sitzt tausend Stunden von hier in dem Berg.“ Darnach erzählte er dem König Alles, wie es sich mit ihm zugetragen und wie er jetzt sich wieder den weiten Weg suchen müsse nach dem verwunschenen Schlosse in der Erde drin.
„Willst du meine Tochter nicht“ sagte der König, „so will ich dir einen Wagen schenken, um hinzufahren zu deiner Frau“ und hieß ihn alsbald aus der Remise ziehen. Eine eigene Bewandtnis hatte es mit der Kutsche, die der Prinz zum Geschenk bekam; denn auf der rechten Seite steckte eine Peitsche, wenn man die auf die linke Seite herüber steckte so fing der Wagen an zu fahren, als wenn tausend Pferde daran gezogen hätten, bis man die Peitsche wieder hinübersteckte auf die rechte Seite, dann stand er mit einem Schlage still und man konnte aussteigen.
So war es dem Erbprinzen ein leichtes, wieder an den verzauberten Berg zu kommen – schon am zweiten Tage war er dort, kroch als Biene hinein, flog als Falke hinab, lief als Windhund zum Schloss, kam wieder als Biene hinein zu seiner Frau und ward bei ihr zum Menschen. Als aber der Riese wieder heimkam, so verwandelte er sich nicht mehr in die Biene vor ihm, sondern in den Löwen und riss ihm das Haupt von den Schultern ab. Nun war sie erlöst und fuhr mit ihrem Manne in dem Zauberwagen zuerst nach Hause zu ihrem Vater, dann aber auf Besuch zum König von Sizilien.
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