Der Schatten

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Einst ging ein gelehrter Mann aus den nördlichen Regionen Europas auf eine Reise nach Süden. Eines Nachts saß er auf seiner Terrasse, während das Feuer hinter ihm seinen Schatten auf den gegenüberliegenden Balkon warf. Wie er da saß, beobachtete der Mann amüsiert, wie sein Schatten jede seiner Bewegungen nachahmte, als würde er wirklich auf dem anderen Balkon sitzen. Als er schließlich müde wurde und schlafen ging, stellte er sich den Schatten vor, wie er dies ebenfalls im Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite tat.

Am nächsten Morgen jedoch stellte der Mann zu seiner Überraschung fest, dass er wirklich seinen Schatten über Nacht verloren hatte. Als ihm allerdings ein neuer Schatten aus seinen Zehenspitzen wuchs, dachte er nicht weiter darüber nach und kehrte nach Nordeuropa zurück, um wieder zu schreiben.

Mehrere Jahre vergingen, bis eines Nachts ein Mann an seiner Türe klopfte. Zu seiner Überraschung war es sein Schatten, den er vor Jahren in Afrika verloren hatte. Dieser Schatten stand nun mit fast vollkommenem menschlichen Aussehen in seiner Haustüre. Erstaunt von seinem plötzlichen Wiederauftauchen lud der gelehrte Mann ihn in sein Haus ein. Beide setzten sich an den Kamin, wo der Schatten dem Mann erzählte, wie er selbst ein Mann geworden war.

Der gelehrte Mann war ein ruhiger und sanftmütiger Mensch. Seine Hauptinteressen lagen im Guten, der Schönheit und der Wahrheit. Dies waren die Themen, über die er oft schrieb, die aber niemanden sonst zu interessieren schienen. Der Schatten sagte seinem Herren, dass dieser die Welt nicht verstünde, dass er aber selbst die wahre Welt gesehen habe, mit ihrer Bosheit und den schlechten Menschen darin.

Der Schatten wurde immer größer und lebendiger im Laufe der Jahre, während der Schriftsteller immer dünner und blasser wurde. Schließlich wurde der Mann so krank, dass sein ehemaliger Schatten ihm einen Ausflug zu einem Kurort auf seine Kosten vorschlug, allerdings unter der Bedingung, dass der ehemalige Schatten selbst als Herr auftreten dürfte, während der Schriftsteller so tun musste, als wäre er der Schatten. So absurd dieser Vorschlag sich auch anhörte, am Ende nahm der gelehrte Mann ihn an. Zusammen gingen sie auf Reisen und der Schatten spielte den Herren. Im Kurort lernte der Schatten eine wunderschöne Prinzessin kennen. Nachdem beide sich eine Nacht lang zusammen unterhalten und getanzt hatten, verliebte sich die Prinzessin in den Schatten.

Kurz bevor die Hochzeit anstand, bot der Schatten seinem ehemaligen Herren eine hohe Stellung im Palast an, unter der Bedingung, dass dieser nun endgültig sein eigener Schatten wurde. Der Schriftsteller lehnte sofort ab und drohte damit, der Prinzessin alles zu sagen, doch der Schatten ließ ihn verhaften. Seine Bestürzung heuchelnd traf er sich mit der Prinzessin und sagte ihr:

Ich habe das Greulichste erlebt, was man erleben kann!“sagte der Schatten, „denke Dir – ja so ein armes Schattengehirn kann nicht viel aushalten! – denke Dir, mein Schatten ist verrückt geworden. Er glaubt, er wäre der Mensch und ich – denke Dir nur – ich wäre sein Schatten!“
„Das ist ja furchtbar“, sagte die Prinzessin, „er ist doch eingesperrt?“
„Das ist er! Ich fürchte er wird nie wieder zu Verstand kommen.“
„Armer Schatten!“ sagte die Prinzessin, „er ist sehr unglücklich. Es würde eine wahre Wohltat sein, ihn von dem bisschen Leben zu befreien, das er hat. Wenn ich es recht bedenke, glaube ich, es wird notwendig sein, es mit ihm in aller Stille abzumachen.“

Als der Schatten und die Prinzessin später in dieser Nacht heirateten, war der gelehrte Mann bereits tot.
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