Der Traum des Wolfes

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Der Wolf lag in einer Nacht in seinem Loche, da klang es ihm im linken Ohr. „Das bedeutet eine hochzeitliche Speise“ sprach er, ließ morgens alle Brocken liegen, welche er noch übrig hatte und marschierte weg. Da kam er auf eine Wiese, wo zwei Widder weideten; er ging zu ihnen und sprach: „Einen von euch muss ich fressen.“ „Herr wie du willst“, sprach der älteste von den Widdern, „wir können gegen dich nichts ausrichten, aber du bist ein guter Landmesser und könntest vorher die Weide abmessen, wie viel jedem von uns gehört, dann gibt es keine Erbstreitigkeiten.“ „Das soll geschehen“ sprach der Wolf, dem dies schmeichelte, und er lief die Nase an der Erde rund um die Wiese herum und stellte sich dann in die Mitte. „Stellt euch auf die beiden Ecken“, rief der Wolf, „du dahin, du dorthin und laufet auf mich zu, dann werdet ihr finden, dass ich recht gemessen habe.“ Das geschah, die Widder liefen auf ihn zu und stießen ihn so unsanft mit den Hörnern, dass ihm der Appetit nach ihnen verging und er für tot liegen blieb.
Als er wieder zu sich kam, sprach er: „Die Schmerzen achte ich nicht, ich traue auf mein Ohr“, und er ging weiter und kam an eine andere Wiese, da weidete ein Pferd mit einem Füllen. „Eins von euch muss ich fressen“ rief er. Das Pferd sprach: „Herr wie du willst, du bist der Stärkere, aber ich habe mir einen Dorn in den Fuß getreten, frisst du mir mein Füllen, dann habe ich Niemand, der mir den Dorn aus dem Fuße zieht; darum bitte ich dich, tu mir zuvor den Liebesdienst, du bist als ein geschickter Feldscherer bekannt.“ „Das soll geschehen“, sprach der Wolf, dem der Mund nach dem jungen Füllenfleisch wässerte, und dem das Lob außerdem wohl tat. „Heb nur den Fuß auf und sage mir, wo der Dorn steckt, ich hole ihn eins zwei drei heraus.“ Das Pferd hob einen Hinterhuf, der Wolf trat hinzu; als er aber recht genau zuguckte, schlug ihn das Pferd vor den Kopf, dass ihm grün und gelb vor den Augen wurde und er für tot liegen blieb.
Als er wieder zur Besinnung kam, sprach er: „Die Schmerzen achte ich nicht, ich traue meinem Ohr und muss meine hochzeitliche Speise finden.“ Er schritt, Anfangs matt, dann immer rüstiger weiter und kam an ein Dorf. Vor dem Dorf stand der Backofen und glühte, und vor dem Backofen stand eine alte Geiß mit sieben jungen Geißchen, die meckerten, dass es eine Art hatte. Der Wolf lief auf sie zu und rief: „Eins von euch muss ich fressen.“ „Muss ist ein bitter Kraut“, sprach die Geiß, „aber Herr wie du willst, denn du bist der Stärkere. Nur könntest du uns zuvor noch einen Gefallen tun.“ „Was ist das?“ fragte der Wolf. „Wir sangen so eben das Lied „Eine feste Burg“ aber die Melodie will nicht recht heraus; da du ein so guter Sänger bist, könntest du sie uns einmal vorsingen, dann magst du sogleich eins von meinen Geißerchen fressen und kannst es dir aussuchen.“ Das schmeichelte dem Wolf nicht wenig, denn er hörte sich gar zu gern loben. Er setzte sich auf seine Hinterbeine, fegte mit den Vorderpfoten in der Luft herum als schlüge er den Takt und hub an zu heulen, dass alle Bauern im Dorfe zusammenliefen und ihm das Fell so zergerbten, dass ihm die Lust nach Geißenfleisch ganz und gar verging.
Da schlich er betrübt und hungrig in den Wald, legte sich unter einen Eichbaum und rief: „Ach was bin ich doch für ein dummer Kerl! Ach Gott, wirf dein scharfes Schwert von deinem elfenbeinernen Turm und strafe mich um meiner Dummheit willen, dass ich meinem linken Ohr so viel getraut habe!“ Nun saß auf der Eiche ein Bauer, der mit seinem Beil im Walde gearbeitet hatte, und als er den Wolf kommen sah, auf den Baum geklettert war. Als der den Wolf also rufen hörte, fasste er das Beil und warf es ihm grade zwischen die Ohren. „Uh“ schrie der Wolf, „die Stätte ist gar zu heilig, da wird jede Bitte alsbald erhört“ und er schleppte sich schachmatt und halbtot zu seiner Höhle. Da fand er kein Bröcklein mehr von seinem Vorrat und er sprach trostlos zu sich selbst: „Mein Vater war kein Landmesser, drum kann ich auch keiner sein; mein Vater war kein Feldscherer, drum kann ich auch keiner sein; mein Vater war kein Sänger, drum kann ich auch keiner sein und kann mir mein Brot nicht verdienen.“ Und darüber quälte er sich so, dass er sich hinlegte und starb.
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