Schlagwort-Archiv: Josef Haltrich

Der Wolf und die alte Geiß

Der Wolf traf einmal auf die alte Geiß mit ihren zehn Zicklein. „Aha! jetzt fresse ich euch!“ sprach er. Da trat ihm die alte Geiß drohend entgegen und rief: „Kennst du den Büß? Schnell, packe dich, sonst erschieße ich dich mit meiner Pistole!“ und zeigte dabei auf ihren stumpfen Zagel. Der Wolf erschrak hierüber so sehr, daß er sich umwandte und in den Wald fortlief, um sich da zu verstecken. Wenn man dich nun fragt: „Kennst du den Büß?“ so weißt du, was das heißt.

Die Reise des Enteleins

Das Entelein (sächs. Schnådderintchen) wackelte fort und wollte eine Reise in die Welt machen, kam das Hutzelbein (der Frosch, sächs. Hïpertïperchen) und sprach: „Wohin, Entelein?“
„In die Welt hinein!“
Sagte Entelein.
„Darf ich mit, Entelein?“
Fragte Hutzelbein.
„Sitz auf mein Schwänzelein!“
Sprach das Entelein, Da setzte es sich auf, und nun zogen beide fort; kam der dicke Mühlstein und sprach: „Wohin, Entelein, Hutzelbein?“
„In die Welt hinein!“
Sprach Entelein, Hutzelbein.
„Darf ich mit, Entelein, Hutzelbein?“
Fragte der dicke Mühlstein.
„Sitz auf mein Schwänzelein!“
Sprach das Hutzelbein. Der dicke Mühlstein setzte sich auf, und so ging’s langsam fort; kam die Kohle mit den roten Backen (sächs. rït Påtzerchen) und sprach: „Wohin, Entelein, Hutzelbein, dicker Mühlstein?“
„In die Welt hinein!“
Sprach Entelein, Hutzelbein, der dicke Mühlstein.
„Darf ich mit, Entelein, Hutzelbein, dicker Mühlstein?“
Fragte das rote Kohliglein.
„Sitz auf mein Schwänzelein!“
Sprach der Mühlstein. Da setzte sich das Köhlchen mit den roten Backen auf und war sehr lustig und froh, daß es die Welt sehen sollte. So zogen sie weiter fort und kamen an den Fluß (den Mieresch). Das Entelein schwamm hinein, und als es in der Mitte war, sprach es: „Nun haltet euch, ich soll einmal tunken und mir ein Fischchen erschnappen!“ O weh, da war’s um den Mühlstein und die Kohle geschehen; sie stürzten hinab ins Wasser, der Mühlstein ging zu Grund und wurde nicht mehr gesehen, die Kohle blieb zwar oben, aber sie verlor gleich ihre roten Backen und wurde schwarz wie der Tod und floß ins Meer.
Nur das Entelein und Hutzelbein blieben am Leben, weil sie schwimmen können, und lachten sich die Bäuche voll, und so lachen sie noch fort bis auf den heutigen Tag. Die Leute aber, welche diese Geschichte nicht wissen, sagen nur: „Sie schnattern und quaken!“

Der Wolf und die Sau mit den zwölf Ferkeln

Als der Wolf wieder zur Besinnung kam, quälte ihn gleich auch sein entsetzlicher Hunger. „Ich bin zu einer unglücklichen Stunde geboren; ich habe kein Glück!“ klagte er, „was ich immer unternehme mißlingt, und ich gewinne davon nur Schläge; solange ich mit dem Fuchs gut war, kriegte ich zwar auch Schläge, aber ich stillte doch meinen Hunger; dieser ist
nun riesengroß und wächst immerfort!“ Weit und breit im Felde war nun nichts mehr zu sehen, das er als Beute hätte eintreiben können. Da gedachte er, wie seine Vorfahren in Zeiten der Not von Wurzeln gelebt hätten; er griff auch jetzt zu diesem Mittel; allein schon nach einigen Tagen war er ihrer satt, verwünschte sie und rief: „Der Teufel soll weiterhin Wurzeln fressen; ich bin es einmal von meiner Jugend an besser gewohnt, das ist keine Speise für einen ehrlichen Wolf; ich muß mir jetzt woher immer Fleisch verschaffen!“ Was war zu tun? In Feld und Wald war nichts zu finden; da mußte er zu den gefahrvollen Unternehmungen ins Dorf sich entschließen. Oft hatte er sich den Gartenzäunen glücklich genähert, da rochen ihn aber die Hunde und vertrieben und verfolgten ihn ins weite Feld. Einmal traf es sich, daß der Müller in der Stadt auf dem Jahrmarkt war und seine Hunde mitgenommen hatte. Der Wolf hatte sich unbemerkt herangeschlichen und traf des Müllers Sau mit ihren zwölf Ferkeln, die wühlten unbesorgt oberhalb der Mühle am Mühlengraben. „Ha!“ jauchzte der Wolf, „zwölf Ferkel sind keine magere Kost; da kannst du dich einmal für alle Not entschädigen.“ Er lief im Sturm auf die Sau los und schrie: „Aha! Habe ich Euch einmal! Ihr seid es mit Euerer Sippschaft, die Ihr mein Kartoffelfeld verwühlt habt; Eure Kinder als Pfand her!“
Die Sau stutzte; sie dachte anfangs den Wolf gleich zu packen, als sie aber seine grimmigen Hungerzähne sah, fürchtete sie, es könne bei dem Kampfe eines ihrer Kinder in Gefahr kommen; sie sprach: „So? Ich entsinne mich nicht, daß ich mit meinen Kindern je auf Euerem Kartoffelfeld gewesen, doch nehmt sie hin, wenn Ihr uns durchaus für strafbar haltet; um eines nur bitte ich Euch: die armen sind noch Heiden; ich fand bis jetzt noch keinen Priester, um sie taufen zu lassen; doch sehe ich an Euerem Rock, daß Ihr ein ,würdiger‘ Herr sein müsset; Ihr könnt gewiß taufen!“ Der Wolf wollte nicht sagen: „Nein, das verstehe ich nicht“, denn das schmeichelte seinem Ehrgeiz, dass man ihn für einen Pfarrer hielt. „Ja, ja!“ sprach er, „gleich will ich sie taufen!“ Da ging er ans Mühlengerinne, bückte sich hinunter, benetzte seine Rechte und taufte der Reihe nach alle Ferkel. Als er am letzten war und sich wieder zum Wasser bückte, gab ihm die Sau mit ihrer Schnauze einen tüchtigen Schub; er plumpste hinein und mußte saufen, aber nun kam er auch unters Rad und wurde hier gut gewalkt und zerquetscht;
endlich fiel er durch, tunkte noch einmal im scharfen Wasser unter und kam „plutschnaß“ und ganz matt wieder aufs Trockene. Da dachte er voll Grimm an die Sau und wollte über sie herfallen, die war aber indes mit ihren Ferkeln in die Mühle gelaufen und hatte sich geborgen; bald kam auch der Müller mit seinen Hunden heim. Jetzt ging die Not für den Wolf aufs neue an, und er hatte von Glück zu sagen, daß er mit dem Leben elendiglich davonkam.

Die törichte Liese

Ein Mann hatte sich eine junge Frau genommen, die war von Gesicht zwar schön, aber nicht sehr witzig von Reden und nichts weniger als geschickt und erfinderisch in Arbeiten. Als nun die Hochzeit vorüber war und man das Werktagskleid anlegte, fragte sie ihren Mann und sprach: „Was soll ich arbeiten?“ Der Mann wurde ein wenig stutzig und dachte: „Das fängt gut an; wenn ihr Witz nicht so weit reicht, daß sie sich eine Arbeit im Hause zu suchen versteht, so werde ich mit ihr meine Not haben!“ Allein er verbarg seinen Unmut und sprach zu ihr schön und freundlich, wie das ja in den ersten Tagen zu geschehen pflegt: „Gehe nur zur Nachbarin, mein Kind, und sieh, was die macht, und tue also!“ Damit nahm er die Türe in die Hand und fuhr ins Holz. Die junge Frau ging sogleich zur Nachbarin, um zu sehen, was sie arbeite. Diese hatte eben ihren alten Ofen abgebrochen und war im Begriff, einen neuen aufzusetzen. Eilig ging die junge Frau nach Hause, brach ihren neuen Ofen gleichfalls ab und versuchte ihn dann wieder aufzusetzen; allein da sie nie dergleichen gesehen, so arbeitete sie ganz verkehrt und konnte es zu nichts bringen. Als ihr Mann nach Hause kam und sah, was seine junge Frau tat, schüttelte er nur das Haupt und sprach: „Aber Weib, was hast du gemacht?“ – „Nu, wie du mich gelehrt hast, was die Nachbarin machte!“ Er merkte, daß viel Reden hier nicht am Orte sei. Mit Mühe brachte er den Ofen wieder zusammen; es war aber nur Flickwerk, denn sie hatte die Ziegeln zerschlagen. Den andern Tag rühr der Mann wieder ins Holz, und da seine Frau nicht wußte, was sie arbeiten sollte, und ihn fragte, so sagte er ihr wieder, sie solle sehen, was die Nachbarin mache. Die Nachbarin aber hatte gerade Wäsche in der „Boche“ und goß heiße Lauge darüber.
Die junge Frau nahm zu Hause auch einen Boding und legte, da sie keine Wäsche hatte, Pelz und Stiefel ihres Mannes in den Boding und goß heiße Lauge darüber, also daß die Haare abgingen und das Leder verbrannte. Als sie die Sachen gewinnen wollte, so zerfielen sie ihr in der Hand. Der Mann kam am Abend spät nach Hause, da sah er mit Schrecken, was seine Frau getan. Er schüttelte unmutig das Haupt: „O Weib, Weib, das ist ja nicht gut! Was hast du gemacht!“ – „Na, was die Nachbarin gemacht hat, wie du mir sagtest!“ Weil das Geschehene nicht zu ändern war, so schwieg er; allein er dachte bei sich: „Wohin wird das kommen, die Dummheit deiner Frau ist doch unvergleichlich!“ Den andern Tag suchte er schnell fortzukommen, denn er war mißmutig. Seine Frau aber schrie ihm nach: „Mann, was soll ich arbeiten?“ – „Nichts, nichts! Doch“ – da fiel ihm ein, die Nachbarin werde ja nicht immer Ofen abbrechen und ,,böchen“ – „siehe, was die Nachbarin macht!“ Die junge Frau lief hin, und die Nachbarin kochte eben Kraut, auf dem ein Schnittchen Speck lag. Die törichte Liese eilte nach Hause zurück, weil sie aber in keinem Topfe Kraut fand, so nahm sie einen „Bachen“ (zwei verbundene Speckseiten), zerschnitt ihn in kleine Stückchen, nahm diese, ging in den Garten und legte auf jeden Krautkopf ein Stückchen Speck. Ihr Haushund Karo freute sich dessen und machte sich dran, ein Stückchen nach dem anderen zu verschlingen. Als die törichte Liese das sah, sprach sie:
„Ho, ho, das geht nicht“, packte den Hund am Halsband, schleppte ihn hinein und band ihn im Keller an den Hahn am Weinfaß an; indes aber waren die Hunde der beiden Nachbarn über den Zaunfrieden gesprungen und hatten die Speckstückchen alle zu sich genommen und unsichtbar gemacht. Der arme Karo aber hatte auch großen Appetit darnach, da er sie einmal gekostet; er riß und zog; nur einmal kam der Hahn aus dem Faß; der Hund sprang aus dem Keller hinaus und schleppte den Hahn am Seil fort in den Garten. Jetzt sah die Frau, wie der Wein aus dem Fasse herauskam, und schlug die Hände zusammen und rief: „Ach, wenn das nur einmal aufhörte zu fließen!“ Das floß aber immer fort, bis kein Tropfen im Fasse war.
Da ward es ihr leichter ums Herz, und sie sprach: „Gott sei Dank, daß nichts mehr herauskommt!“ Aber wie sollte sie jetzt den nassen Boden trockenlegen? Das machte ihr Gedanken. Da fielen ihr glücklicherweise die zwei Säcke Mehl ein, die man ihnen gestern aus der Mühle gebracht. Schnell leerte sie dieselben, indem sie das Mehl ausstreute, und der Boden war trocken. „Dein Mann kann froh sein, daß er eine so kluge Frau hat!“ sprach sie bei sich selbst und war seelenvergnügt. Als ihr Mann abends hungrig nach Hause kam und wieder hörte, was geschehen war, da standen ihm eine Zeitlang die Gedanken still; endlich schöpfte er wieder einmal langen Atem und sprach: „Frau, Frau, wie bist du so überaus witzig, das kann ich nun bald nicht mehr aushalten, ich bin ja in kurzem ein ruinierter Mann!“ Am folgenden Tage machte er sich frühe davon. „Was soll ich machen ?“ schrie ihm die Frau nach. Der Mann war in großer Verlegenheit. „Nichts“ wollte er nicht sagen, denn da würde sie, dachte er, am Ende noch auf größere Torheiten verfallen; auf die Nachbarin wollte er sie auch nicht mehr verweisen, denn daraus hatte er immer nur Unheil gesehen. „Siehe“, sprach er, „hinter dem Ofen ist ein Topf mit Kürbiskernen, sorge darauf, daß sie nicht verloren gehen!“ – „Schon gut, schon gut!“ sprach sie. Der Mann ging wieder ins Holz. Er hatte aber im Topfe sein ganzes ererbtes und erspartes Vermögen in lauter blanken Dukaten, und nur oben lagen Kürbiskerne; er dachte: da suchen es die Diebe am wenigsten, und Kürbiskerne wird keiner nehmen, solange er Besseres findet.
Da geschah es aber, daß ein Szekler mit Palukestöpfen und dergleichen irdenem Geschirre in das Dorf kam und seine Töpfe zum Tauschhandel ausstellte. Da eilten die Dorfsfrauen von allen Seiten herbei, eine mit Korn, eine andere mit Roggen, eine andere mit Welschkorn u.dgl. und füllten dem Szekler für je einen Topf denselben zur Hälfte oder ganz oder zweimal, je nachdem man übereinkam und nachdem man bessere oder schlechtere Frucht zu geben hatte. Die junge Frau lief auch hin und sah, wie ihre Nachbarinnen kauften; sie hätte auch gern etwas erhandelt, allein sie hatte keine Frucht zu Hause. Da fielen ihr die Kürbiskerne ein; sie fragte den Szekler in wehmütigem Tone, ob er nicht auch gegen Kürbiskerne Töpfe gebe. Zuerst sprach er: „Nein!“ Als sie ihm aber fort und fort in den Ohren lag, sagte er endlich: „So bringt sie einmal her!“ Er gedachte damit seinen Kindern eine Freude zu machen, und da sie ihm angetragen wurden, hoffte er, sie leichten Kaufes zu bekommen. In vollem Laufe war die junge Frau nach Hause geeilt und war auch bald wieder mit ihren Kürbiskernen da. Der Szekler wühlte ein wenig mit der Hand in den Kernen, um zu fühlen, ob sie trocken und gesund seien; da sah er die Goldfüchse hervorschimmern. „Topp!“ schlug er gleich der Frau in die Hand, „die Kerne gefallen mir gut, und ich gebe Euch meine ganze Ware.“ „Wer konnte jetzt glücklicher sein als die junge Frau. Sie wollte nach Hause, um einen großen Korb zu holen. „Es ist nicht nötig!“ sprach der Szekler freundlich, „ich komme mit dem Wagen hin und führe Euch alles nach Hause.“ – „Oh, Ihr seid ein guter Mann!“ rief sie entzückt, „ich will, bis Ihr kommt, zu Hause aufräumen!“ und damit lief sie fort. Der Szekler strich sich den Schnurrbart und lachte in seinem Herzen, wie wenn er zehn Sonntage hintereinander zu feiern hätte, denn so einen Handel hatte er in seinem Leben nicht gemacht und gewiß auch keiner seiner Brüder, solange sie im Sachsenlande ihre Palukestöpfe vertauschhandeln. Er spannte schnell seine mageren kleinen Pferde an, fuhr zu dem Hause der Frau, lud alles ab und war wie der Wind alsbald über alle Berge; denn daß die Frau da oben nicht ganz bei Trost sei, hatte er gemerkt, und er fürchtete mit Recht, daß ihr Mann, wenn er noch dazukomme, den Tausch aufheben würde.
Die Frau in ihrem Glücke aber nahm die einzelnen Töpfe und hing sie an die Rahmen und machte die ganze Wand voll;
zuletzt blieb ihr noch ein kleines Töpfchen in der Hand, und da kein Nagel mehr leer war, rief sie den andern Töpfen zu:
„Macht ein wenig Platz diesem armen Kleinen!“ Aber die Töpfe hörten auf die wiederholte Aufforderung nicht. Da ward sie zornig, nahm einen Stock und schlug alle herunter, hing das kleine Töpfchen sofort auf und tanzte froh auf dem Boden herum: „Da habt ihr’s nun! So geht es, wenn man nicht folgt! Das kleine soll es dafür nun gut haben!“
Als sie noch so mit sich und den zerschellten Töpfen sprach, kam ihr Mann nach Hause. Ganz froh erzählte sie ihm, wie sie um die schlechten Kürbiskerne Töpfe erhandelt und diese dann, weil sie nicht gefolgt und dem armen kleinen da nicht Platz gemacht hätten, bestraft habe. „Weib, Weib!“ schrie der Mann, „das ist zum Wahnsinnigwerden! O weh, mein sauer erworbenes und ererbtes Gut ist hin! Wowärts ist der Mann gefahren?“ – „Dawärts!“ zeigte die Frau. „Wowärts?“ – „Dawärts !“ rief sie wieder und zeigte nach einer anderen Richtung „Wowärts?“ – „Dawärts!“ und zeigte auch jetzt anderswohin. „Ach, sage mir doch bestimmt, wowärts?“ – „Dawärts!“ und zeigte auch diesmal nach einer anderen Gegend. Dem armen Manne war’s, als sollte die Erde unter ihm einsinken; es brannte unter seinen Füßen, er wäre gern dem
Szekler nach, aber welchen Weg sollte er einschlagen? „Komme mit, daß wir den Mann suchen!“ rief er seiner Frau und lief, wohin ihn seine Nase und Augen führten, und seine Frau hinter ihm her. Auf dem nächsten Berge wandte er sich einmal um und rief seiner Frau entgegen: „Eile zurück, die Türe ist ja offen geblieben, sperre zu, sonst kommen wir nachgerade um all unser Gut!“ Die Frau ging; allein da sie den Schlüssel immer verkehrt einstecken wollte und nicht zusperren konnte, nahm sie zuletzt die ganze Türe auf den Rücken und lief keuchend ihrem Manne nach, so daß ihr unter der Last der Schweiß troff. Als sie ihren Mann von weitem sah, rief sie ihm zu: „Warte doch, lieber Mann, und sperre die Türe zu, denn ich verstehe das nicht!“ Da konnte sich der Unglückliche nicht mehr bezwingen, seine Ungeduld war aufs höchste gestiegen. „Gehe, du törichter Mensch!“ sprach er, „wohin du willst, ich will nichts mehr von dir wissen!“ – „Ja, nun glaube ich!“ sprach er zu sich, „daß es wahr ist, was mein Großvater immer sagte: ein törichtes Weib ist wie die Pest und kann mehr Unheil anrichten als Wasser und Feuer! Der Himmel bewahre einen jeden vor solchem Unglück!“
Damit lief er in einem fort, um von seinem törichten Weibe freizuwerden; diese aber lief ihm nach mit der Türe auf dem Rücken und läuft bis heute noch, wenn sie nicht bei den klugen Frauen, die stets Wasser im Sieb zur Küche tragen, um das Feuer damit anzuzünden, in Dummliesendorf angelangt ist und sich da seßhaft niedergelassen hat.

Der Wunderbaum


Der Hirtenknabe – ob er gerade der Sohn des armen Mannes war, den unser Herr Christus und Petrus gesegnet hatten, weiß ich nicht – erblickte eines Tages, als er die Schafe weidete, auf dem Felde einen Baum, der war so schön und groß, daß er lange Zeit voll Verwunderung dastand und ihn ansah. Aber die Lust trieb ihn hinzugehen und hinaufzusteigen; das wurde ihm auch sehr leicht, denn an dem Baume standen die Zweige hervor wie Sprossen an einer Leiter. Er zog seine Schuhe aus und stieg und stieg in einem fort neun Tage lang. Siehe da kam er nur einmal in ein weites Feld, da waren viele Paläste von lauter Kupfer, und hinter den Palästen war ein großer Wald mit kupfernen Bäumen, und auf dem höchsten Baume saß ein kupferner Hahn; unter dem Baume war eine Quelle von flüssigem Kupfer, die sprudelte immerfort, und das war das einzige Getöse; sonst schien alles wie tot, und niemand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich.
Als der Knabe alles gesehen, brach er sich ein Zweiglein von einem Baum, und weil seine Füße vom langen Steigen müde waren, wollte er sie in der Quelle erfrischen. Er tauchte sie ein, und wie er sie herauszog, so waren sie mit blankem Kupfer überzogen; er kehrte schnell zurück zum großen Baum; der reichte aber noch hoch in die Wolken, und kein Ende war zu sehen. „Da oben muß es noch schöner sein!“ dachte er und stieg nun abermals neun Tage aufwärts, ohne daß er müde wurde, und siehe da kam er in ein offenes Feld, da waren auch viele Paläste, aber von lauter Silber, und hinter den Palästen war ein großer Wald mit silbernen Bäumen, und auf dem höchsten Baum saß ein silberner Hahn; unter dem Baum war eine Quelle mit flüssigem Silber, die sprudelte immerfort, und das war das einzige Getöse, sonst lag alles wie tot, und niemand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich.

Als aber der Knabe alles gesehen hatte, brach er sich ein Zweiglein von einem Baum und wollte sich aus der Quelle die Hände waschen; wie er sie aber herauszog, waren sie von blinkendem Silber überzogen. Er kehrte schnell zurück zum großen Baum, der reichte noch immer hoch in die Wolken, und es war noch kein Ende zu sehen. „Da oben muß es noch schöner sein!“ dachte er und stieg abermals neun Tage aufwärts, und siehe da war er im Wipfel des Baumes, und es öffnete sich ein weites Feld; darauf standen lauter goldne Paläste, und hinter den Palästen war ein großer Wald mit goldnen Bäumen, und auf dem höchsten Baum saß ein goldner Hahn; unter dem Hahn war eine Quelle mit flüssigem Golde, die sprudelte immerfort, und das war das einzige Getöse; sonst lag alles wie tot, und niemand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich. Als der Knabe alles gesehen hatte, brach er sich ein Zweiglein von einem Baum, nahm seinen Hut ab, bückte sich über die Quelle und ließ seine Haare ins sprudelnde Gold hineinfallen. Als er sie aber herauszog, waren sie übergoldet. Er setzte seinen Hut auf, und wie er alles gesehen hatte, kehrte er zurück zum großen Baum und stieg nun in einem fort wieder hinunter und wurde gar nicht müde. Als er auf der Erde angelangt war, zog er seine Schuhe an und suchte seine Schafe; doch er sah von ihnen keine Spur. In weiter Feme aber erblickte er eine große Stadt; jetzt merkte er, daß er in einem andern Lande sei. Was war zu tun.
Er entschloß sich hineinzugehen und sich dort einen Dienst zu suchen. Zuvor jedoch versteckte er die drei Zweiglein in seinen Mantel, und aus dem Zipfel desselben machte er sich Handschuhe, um seine silberigen Hände zu verbergen.
Als er in der Stadt ankam, suchte der Koch des Königs gerade einen Küchenjungen und konnte keinen finden; indem kam ihm der Knabe zu Gesicht. Er fragte ihn, ob er um guten Lohn Dienste bei ihm nehmen wolle. Der Junge war das zufrieden unter einer Bedingung: er solle den Hut, den Mantel, die Handschuhe und die Stiefel nie ablegen müssen, denn er habe einen bösen Grind und müßte sich schämen. Das war dem Koch nicht ganz recht; allein weil er sonst niemanden bekommen konnte, mußte er einwilligen. Er gedachte bei sich: „Du kannst ihn ja immer nur in der Küche verwenden, daß niemand ihn sieht.“ Das währte so eine Zeitlang. Der Junge war sehr fleißig und tat alle Geschäfte, die ihm der Koch auftrug, so pünktlich, daß ihn dieser sehr liebgewann. Da geschah es, daß wieder einmal Ritter und Grafen erschienen waren, die es unternehmen wollten, auf den Glasberg zu steigen, um der schönen Tochter des Königs, die oben saß, die Hand zu reichen und sie dadurch zu erwerben. Viele hatten es bisher vergebens versucht; sie waren alle noch weit vom Ziele ausgeglitscht und hatten zum Teil den Hals gebrochen. Der Küchenjunge bat den Koch, daß er ihm erlauben möchte, von ferne zuzusehen. Der Koch wollte es ihm nicht abschlagen, weil er so treu und fleißig war, und sagte nur: „Du sollst dich aber versteckt halten, daß man dich nicht sieht!“ Das versprach der Junge und eilte in die Nähe des Glasberges.
Da standen schon die Ritter und Grafen in voller Rüstung mit Eisenschuhen, und sie fingen bald an, der Reihe nach hinaufzusteigen; allein keiner gelangte auch nur bis in die Mitte, sie stürzten alle herab, und manche blieben tot liegen. Nun dachte der Knabe bei sich: „Wie wäre es, wenn du auch versuchtest?“ Er legte sogleich Hut und Mantel und Handschuhe ab, zog seine Stiefel aus und nahm den kupfernen Zweig in die Hand, und ehe ihn jemand bemerkt hatte, war er durch die Menge gedrungen und stand am Berge; die Ritter und Grafen wichen zurück und sahen und staunten; der Knabe aber schritt sogleich den Berg hinan ohne Furcht, und das Glas gab unter seinen Füßen nach wie Wachs und ließ ihn nicht ausgleiten. Als er nun oben war, reichte er der Königstochter demütig das kupferne Zweiglein, kehrte darauf sogleich um, stieg hinab, fest und sicher, und ehe sich’s die Menge versah, war er verschwunden.
Er eilte in sein Versteck, legte seine Sachen an und war schnell in der Küche. Bald kam auch der Koch und erzählte seinem Jungen die Wunderdinge von dem schönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den silbernen Händen und den goldnen Haaren, und wie er den Glasberg erstiegen und ein kupfernes Zweiglein der Königstochter gereicht habe und wie er dann wieder verschwunden sei; dann fragte er den Jungen, ob er das auch gesehen habe. Der Junge sagte: „Nein, das habe ich nicht gesehen, das war ich ja selbst!“ Aber der Koch lachte über den dummen Einfall und erwiderte im Scherz: „Na, da müßte ich dann ein großer Herr werden!“
Am andern Tage wollten es mehrere Ritter und Grafen wieder versuchen und versammelten sich vor dem Glasberg. Der Junge bat den Koch abermals, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzusehen. Der Koch konnte es ihm nicht abschlagen und sagte nur: „Du sollst dich aber versteckt halten, daß niemand dich sieht!“ Das versprach der Junge und eilte an seinen gestrigen Platz. Die Ritter fingen an hinaufzusteigen, allein vergebens: sie stürzten alle herab, und mehrere blieben tot. Der Junge zögerte nicht länger und versuchte zum zweitenmal. Er hatte schnell seine Kleider abgelegt; er nahm das silberne Zweiglein und schritt, ehe man es merken konnte, woher er kam, durch die Menge, und alles wich vor ihm zurück, und er ging ruhig und sicher den Glasberg hinan, und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und wie er oben war, überreichte er demütig der Königstochter das Zweiglein; gerne hätte sie auch seine Hand gefaßt; er aber kehrte gleich zurück und schritt hinab und war in der Menge auf einmal verschwunden. Er warf seine Kleider um und eilte nach Hause. Bald kam auch der Koch und erzählte wieder von den Wunderdingen, von dem schönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den silbernen Händen, den goldenen Haaren und wie er hinangestiegen, der Königstochter ein silbernes Zweiglein gereicht, wie er herabgekommen und verschwunden sei. Er fragte seinen Jungen, ob er das nicht gesehen.
Der Junge sagte: „Nein, das habe ich nicht gesehen, das war ich selbst!“ Der Koch lachte wieder recht herzlich und sagte im Scherz; „Da müßte ich auch ein großer Herr werden!“
Am dritten Tage wollten es einige Ritter und Grafen noch einmal versuchen und versammelten sich vor dem Glasberg. Der Junge bat den Koch wieder, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzusehen. Der Koch wollte ihm’s nicht abschlagen und sagte nur; „Du sollst dich aber versteckt halten, daß niemand dich sieht!“ Das versprach der Junge und eilte sogleich an seinen Platz. Die Ritter und Grafen versuchten’s, aber umsonst; sie stürzten alle herab, und mehrere blieben tot liegen. Der Knabe dachte: „Noch einmal willst du es auch versuchen; er warf seine Kleider von sich, nahm das goldene Zweiglein und eilte, noch ehe man’s merken konnte, woher er kam, durch die Menge bis zum Glasberg; alles wich vor ihm zurück. Da schritt er fest und sicher hinan, und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und als er oben war, überreichte er demütig das Goldzweiglein der Königstochter und bot ihr die rechte Hand; sie ergriff sie mit Freuden und wäre gern mit ihm den Berg hinabgestiegen. Der Junge aber machte sich frei und stieg allein hinunter und war wieder schnell unter der Menge verschwunden. Er legte seine Kleider an und eilte zurück an seinen Platz in die Küche.
Als der Koch nach Hause kam, erzählte er von den Wunderdingen, von dem schönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den silbernen Händen, den goldnen Haaren und wie er zum drittenmal den Glasberg erstiegen, der Königstochter ein goldnes Zweiglein gereicht und ihr die Hand geboten habe, wie er aber allein wieder herabgestiegen und unter der Menge verschwunden sei; er fragte ihn, ob er das nicht gesehen hätte. Der Junge sagte wieder: „Nein, das habe ich nicht gesehen, das war ich selbst!“ Der Koch lachte wieder über den dummen Einfall und sprach: „Da müßte ich auch ein großer Herr werden!“
Der König aber und die Königstochter waren sehr traurig, daß der schöne Junge nicht erscheinen wollte. Da ließ der König ein Gebot ausgehen, daß alle jungen Burschen aus seinem Reiche barfüßig und bloßhäuptig und ohne Handschuhe vor dem König der Reihe nach vorübergehen und sich zeigen sollten. Sie kamen und gingen, aber der rechte, nach dem man suchte, war nicht unter ihnen. Der König ließ darauf fragen, ob sonst kein Junge mehr im Reich wäre. Der Koch ging sofort zum König und sprach: „Herr, ich habe noch einen Küchenjungen bei mir, der mir treu und redlich dient; der ist es aber gewiß nicht, nach dem ihr sucht! Denn er hat einen bösen Grind, und er trat nur unter der Bedingung zu mir in den Dienst, daß er Handschuhe, Mantel, Hut und Stiefel nie ablegen dürfe.“ Der König aber wollte sich überzeugen, und die Königstochter freute sich im stillen und dachte: „Ja, der könnte es sein!“ Der Koch mußte dableiben; ein Diener brachte den Küchenjungen herein, der sah aber ganz schmutzig aus. Der König fragte: „Bist du es, der dreimal den Glasberg erstiegen hat?“ – „Ja, das bin ich!“ sprach der Junge, „und ich habe es auch meinem Herrn immer gesagt!“ Der Koch fühlte bei diesen Worten den Boden nicht unter seinen Füßen, und die Rede blieb ihm eine Zeitlang stehen; endlich sagte er: „Aber wie kannst du hier so reden“ Der König achtete indes nicht darauf, sondern sprach gleich zum Jungen: „Wohlan, entblöße dein Haupt, deine Hände und Füße!“ Alsbald warf der Junge seine Kleider ab und stand da in voller Schönheit und reichte der Jungfrau die Hand, und sie drückte sie und war über die Maßen froh; es wurde die Hochzeit gefeiert, und nicht lange darauf übergab der König das Reich dem Jungen. „Glaubst du nun, daß ich es war, der dreimal den Glasberg erstiegen?“ sprach der Junge zum Koch. „Was sollt‘ ich denn glauben, wenn ich das nicht glaubte!“ sprach der Koch und bat um Verzeihung. „Nun, so sollst du auch ein großer Herr werden, wie du hofftest, und über alle Köche im Reich die Aufsicht führen.“

Die junge Königin aber hätte gar zu gerne gewußt, woher ihr Gemahl die drei Zweiglein und die kupfernen Füße, die silbernen Hände und das goldige Haar habe. „Das will ich dir, mein Kind, nun sagen!“ sprach der junge König eines Tages, „und du sollst auch selbst sehen, wie das zugegangen!“ Er wollte mit ihr noch einmal auf den Wunderbaum steigen und die Herrlichkeit ihr zeigen; allein, als er an die Stätte kam, so war der Baum verschwunden, und kein Mensch hat weiter davon etwas gehört und gesehen.

Lohn und Strafe


In einem Dorfe lebten zwei Nachbarn, von denen hatte der eine hundert Schafe, der andere nur drei. Da sprach der Arme zum Reichen: „Lasse doch meine Schafe bei deinen weiden, das wirst du ja nicht spüren“; denn er selbst hatte keinen Weideplatz. Der Reiche wollte nicht recht, ließ es aber endlich zu; der Knabe des Armen trieb die drei Schafe aufs Feld zu den Schafen des Nachbars und blieb da zur Hut.
Nach einiger Zeit geschah es, daß der König zum reichen Manne schickte und von ihm ein fettes Schaf verlangte. Der Reiche konnte das dem König nicht abschlagen, aber es fiel ihm doch auch zu schwer, von seinen hundert Schafen eines zu verlieren;
drum befahl er seinen Knechten, eines von den dreien des armen Mannes zu fangen und den Dienern des Königs zu übergeben. So taten die Knechte; aber der Junge des Armen weinte sehr, als man sein Schaf fortschleppte.
Bald darauf verlangte der König ein zweites Schaf vom reichen Mann; der befahl wieder seinen Knechten, man solle eines von denen des Armen geben. So geschah es, und der Junge weinte noch mehr, als man sein zweites Schaf wegführte. Er dachte aber bei sich: „Der König wird bald noch ein Schaf wollen, und die Knechte des reichen Nachbars werden dir auch das letzte nehmen; besser ist es, du machst dich damit beizeiten fort!“ So tat er auch und zog weit, weit weg auf ein hohes Gebirg; da war Weide genug und frisches Wasser, und sein Schaf hatte es gut.

Nach einigen Tagen sprach der Arme bei sich: „Du willst einmal hinausgehen und sehen, was dein Junge und deine Schafe machen!“ Als er aber zur Herde kam und die Knechte nach seinem Jungen fragte, sagten sie: „Zwei von Euren Schafen haben wir auf Befehl unsers Herrn dem König geschickt; mit dem letzten ist Euer Junge fort in die Welt!“ Da jammerte der Arme und sprach: „Wo werde ich ihn nun finden?“ Er machte sich aber gleich auf und ging fort, um ihn zu suchen; doch sah er lange keine Spur. Er fragte nun die Sonne, ob sie ihm nicht Weg und Steg zeigen könne. Die wußte es leider nicht; endlich kam er zum Wirbelwind, der sah ganz wild aus. Der Arme fragte ihn auch, ob er nicht wisse, wo sein Sohn sich aufhalte. „Ei, freilich weiß ich’s; ich ziehe eben hin und nehme dich mit!“ Indem hob ihn der Wirbelwind auf und rührte ihn im Nu aufs Gebirg zu seinem Sohn, der war in einem Tal, welches die Sonne nie beschien. Der Arme freute sich, als er ihn sah und hörte, wie er das Schaf gerettet habe. „Jetzt aber“, sprach er, „wollen wir beide hier bleiben und darauf sorgen, denn das ist nun unser ganzer Reichtum!“
Nach einiger Zeit geschah es, daß zwei Wanderer über das Gebirge herkamen und bei dem Armen anhielten und sich lagerten; es waren aber Christus und Petrus. Da sprach Christus : „Wir sind weit gereist und müde und so hungrig, daß wir sterben müssen, wenn wir nicht bald ein wenig Fleisch bekommen.“ Der Arme erbarmte sich und sprach sogleich: „Da kann ich helfen!“ Er ging schnell und brachte sein Schaf und schlachtete es und machte ein Feuer an und briet davon ein gutes Stück für seine Gäste, und das schmeckte diesen auch ganz vortrefflich. Nach dem Mahle sprach Christus zum Knaben des Armen, er solle nur die Knochen zusammenlesen und alle ins Schafsfell legen. Das tat der Junge, und darauf legten sie sich miteinander zum Schlafen. Ganz früh aber stand Christus mit Petrus auf, segneten den Armen mit seinem Jungen und zogen still ab. Als der Arme mit seinem Jungen erwachte, sah er um sich eine große Herde Schafe, und vorn stand sein Schaf, das er am Abend geschlachtet hatte, ganz frisch und gesund und trug einen Zettel auf der Stirn; darauf stand: „Alle gehören dem Armen und seinem Jungen!“ Drei Hunde sprangen um sie herum und taten freundlich. Der Arme konnte seine Freude und sein Glück nicht verborgen halten; er zog mit der Herde heim.
Da kam das ganze Dorf zusammen, als er anlangte, um die vielen und schönen Schafe zu sehen, und der Arme mußte oft und oft erzählen, wie er durch die zwei armen Wanderer zu dem Glück gekommen sei. Dem reichen Nachbar ließ aber der Neid keine Ruhe; er dachte bei sich: „Wenn das so ist, so mußt du bald noch mehr bekommen!“ Er ging hinaus, ließ alle armen Wanderer und Bettler zusammenrufen, schlachtete alle Schafe und briet ihnen das Fleisch und setzte es ihnen vor. Dann legte er sorgfältig alle Knochen zusammen, in das Fell eines jeden Schafes diejenigen, die hingehörten, und legte sich dann mit den Wanderern und Bettlern nieder. Allein er konnte nicht schlafen, sondern überrechnete in seinen Gedanken immerfort bis an den Morgen, wieviele Schafe er mehr haben müsse als sein Nachbar, da er hundert geschlachtet habe und jener nur eines.
Als der neue Tag sich entzündete, sprang er auf und wollte die große Herde übersehen. Aber da lagen noch alle Knochen im Fell und nichts regte und rührte sich. „Ha“, dachte er, „jetzt weißt du, woran es hängt: Die Wanderer und Bettler hätten schon fort sein müssen!“ – „Auf, ihr Lumpen, packt euch einmal!“ Aber die rührten sich nicht, bis die Sonne hoch am Himmel stand, und seine Schafe waren dahin und hatten sich nicht verhundertfältigt. Nun jammerte und fluchte er, daß er um all sein Gut gekommen war, ging hin und ersäufte sich.
Der Arme aber blieb reich und glücklich, und man erzählt noch, sein Junge habe später die Königstochter geheiratet.

Des Teufels Hilfe

Ein armer Bauer brachte einmal Holz aus dem Walde und blieb in einer Pfütze stecken, so daß er nicht von der Stelle fortkommen konnte; da trat ein unbekannter Mann zu ihm hin und sprach: „Ich möchte dir auf einmal aus der Not helfen, wenn du mir das Neueste, das jetzt in deinem Hause sich findet, zu geben versprichst; nach zwanzig Jahren erst sollst du mir’s ausliefern!“ Der Bauer dachte an die neuen hölzernen Löffel, die er vor kurzem gekauft hatte, und versprach ohne weiteres das Verlangte, und sogleich wurde auch ein schriftlicher Vertrag aufgesetzt. Darauf zog der Fremde den Wagen samt den Kühen heraus und ging fort. Als der Bauer zu Hause ankam, erfuhr er zu seinem Schrecken, es sei zu der und der Zeit ihm ein Sohn geboren. Er erkannte jetzt gleich, daß er dem Bösen sein Kind verschrieben habe; sogleich ging er zu seinem Herrn Pfarrer und gestand ihm die Sünde. Der tröstete ihn und sprach:
Erzieht nur Euern Sohn in aller Tugend und Frömmigkeit, so wird ihm der Böse nichts anhaben können!“ Das versprach der Bauer und tat es auch gewissenhaft; aber seine Trauer konnte er vor dem Kleinen nicht lange verbergen. Der bat und fragte immer: „Vater, warum seid Ihr so traurig“ und da sagte ihm eines Tages der Alte alles. „Kümmert Euch nicht, Vater!“ sprach der Knabe, „der Teufel wird mir nichts tun können; der Herr Pfarrer wird mir schon sagen, wie ich mich bewahren soll!“
Als der Junge zwanzig Jahre alt war, ging er zum Pfarrer und fragte ihn um Rat, wie er es mit dem Teufel anfangen solle. Der Pfarrer sagte, er möge nur immer beten, denn das könne der Teufel nicht ausstehen. Dann machte sich der Junge auf den Weg zur Hölle, denn er wollte nicht warten, bis ihn der Teufel abhole. Als er weit gegangen war, sah er nur einmal einen großen Baum mit goldnen Früchten und darunter einen geharnischten und stark bewaffneten Mann. Anfangs erschrak er; als er aber sah, daß dieser sich nicht rührte, wagte er es näher zu gehen. Da erzählte ihm der Mann seine Lebensgeschichte : Er sei ein großer Räuber gewesen; dafür nun sei er unter diesen Baum gebannt; jede der goldnen Früchte sei eine von seinen Todsünden; unter dem Baume aber seien die großen Schätze, die er durch Raub und Mord sich erworben habe;
nun müsse er da so lange Wache stehen und könne so lange nicht sterben, bis ein reiner und unschuldiger Jüngling von zwanzig Jahren für seine Seele gebetet habe. „Bist du der, so bete für mich, und wenn ich nicht mehr bin, so hebe von dieser Stelle die großen Schätze, die dann vom Fluche frei sind!“ Der Bauernjunge versprach das alles zu tun mit willigem Herzen und wanderte weiter und gelangte endlich in die Hölle. Da fing er an zu beten und ging so betend in die Teufelswerkstätte. Als die Teufel das Gebet hörten, flohen alle davon, und wie der Junge ihnen näher kam, zogen sie sich in den hintersten Winkel der Hölle zurück, aber auch hier fühlten sie sich nicht mehr sicher. Da hielten sie einen Rat und fragten untereinander: wer der gefährliche Fromme wohl sein könne und was sie weiter tun sollten. Indem fiel einem alten Teufel der Kontrakt ein, den er vor zwanzig Jahren mit dem Bauer[n] geschlossen, und er sprach: „Der Fremde ist kein anderer als ein dummer Bauernjunge, den ich seinem Vater vor zwanzig Jahren abbetrogen hatte; leider habe ich seitdem nicht mehr daran gedacht, und so ist derselbe in der Kraft Gottes aufgewachsen; allein wartet, ich werde ihn uns gleich vom Halse schaffen!“ Damit nahm sich der alte Teufel ein Herz und ging dem Jungen entgegen, warf ihm den Kontrakt zu und sprach: „Du kannst damit gleich nach Hause gehen; ich schenke dich deinem Vater!“ Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen, denn ihn hatte ein Graus überkommen, als er die vielen Marterwerkzeuge, die Zangen und Kessel voll siedenden Öles und das höllische Feuer gesehen und das Ächzen und Zähneklappern der Verdammten gehört hatte. Er nahm schnell den Kontrakt und kehrte zurück; die Teufel aber freuten sich, als sie seiner los waren.
Als der Junge betend an den großen Baum zurückkam, sank der nur einmal zusammen, und der geharnischte Mann fiel zu Boden, und er sah an ihrer Stelle zwei Aschenhaufen! Er grub nun nach, wie ihm der Mann gesagt hatte, und fand die großen Schätze. Damit zog er heim; seine Eltern freuten sich sehr, wie sie ihn wiedersahen. Von den Schätzen gab er einen Teil dem Herrn Pfarrer zum Danke für die guten Lehren und einen andern schenkte er der Kirche; nur den dritten Teil behielt er für sich und seine Eltern. Aber er war doch ein steinreicher Mann, und das Vermögen vergößerte sich immer mehr und vererbte sich fort auf Kinder und Kindeskinder, denn die waren auch alle redliche und gottesfürchtige Menschen.

Tod des Hühnchens

Hähnchen und Hühnchen scharrten auf dem Mist; da fand Hähnchen ein Weizenkörnchen und Hühnchen eine Erbse. Hähnchen schluckte das Körnchen leicht hinunter, dem Hühnchen aber blieb die Erbse in der Kehle stecken und es wollte würgi, würgi machen (erwürgen). Da sah Hähnchen, wenn es nicht gleich Wasser bringe, müßte das Hühnchen ersticken;
es lief also gleich zur Jungfer und sprach: „Jungfer, mir Wasser gib, Hühnchen will würgi, würgi machen!“ Jungfer sprach:
„Bring mir Schuh vom Schuster!“ Hähnchen lief zum Schuster und sprach: „Schuster, mir Schuh gib,
Schuh ich der Jungfer gebe,
Jungfer mir soll Wasser geben,
Wasser ich dem Hühnchen gebe,
Hühnchen, das will würgi, würgi machen!“ Schuster sprach; „Bring mir vom Schwein die Borsten!“ Hähnchen lief zum Schwein und sprach: „Schwein, mir Borsten gib,
Borsten ich dem Schuster gebe,
Schuster mir soll Schuh geben,
Schuh ich der Jungfer gebe,
Jungfer mir soll Wasser geben,
Wasser ich dem Hühnchen gebe,
Hühnchen, das will würgi, würgi machen!“ Schwein sprach: „Bring mir Mehl vom Müller!“ Hähnchen lief zum Müller und sprach: „Müller, mir Mehl gib,
Mehl ich dem Schwein gebe,
Schwein mir soll Borsten geben,
Borsten ich dem Schuster gebe,
Schuster mir soll Schuh geben,
Schuh ich der Jungfer gebe,
Jungfer mir soll Wasser geben,
Wasser ich dem Hühnchen gebe,
Hühnchen, das will würgi, würgi machen!“ Müller sprach: „Bring mir Korn vom Acker!“ Hähnchen lief zum Acker und sprach: „Acker, mir Körn gib,
Korn ich dem Müller gebe,
Müller mir soll Mehl geben,
Mehl ich dem Schwein gebe,
Schwein mir soll Borsten geben,
Borsten ich dem Schuster gebe,
Schuster mir soll Schuh geben,
Schuh ich der Jungfer gebe,
Jungfer mir soll Wasser geben,
Wasser ich dem Hühnchen gebe,
Hühnchen, das will würgi, würgi machen!“
Acker sprach: „Bring mir vom Hofe Mist!“ Hähnchen lief zum Hof und sprach: „Hof, mir Mist gib,
Mist ich dem Acker gebe,
Acker mir soll Korn geben,
Korn ich dem Müller gebe,
Müller mir soll Mehl geben,
Mehl ich dem Schwein gebe,
Schwein mir soll Borsten geben,
Borsten ich dem Schuster gebe,
Schuster mir soll Schuh geben,
Schuh ich der Jungfer gebe,
Jungfer mir soll Wasser geben,
Wasser ich dem Hühnchen gebe,
Hühnchen, das will würgi, würgi machen!“ Da gab Hof Mist: Hähnchen Mist dem Acker,
Acker Korn dem Hähnchen,
Hähnchen Korn dem Müller,
Müller Mehl dem Hähnchen,
Hähnchen Mehl dem Schweine,
Schwein Borsten dem Hähnchen,
Hähnchen Borsten dem Schuster,
Schuster Schuh dem Hähnchen,
Hähnchen Schuh der Jungfer,
Jungfer Wasser dem Hähnchen,
Hähnchen Wasser dem Hühnchen. Da war aber das Hühnchen schon erstickt und mausetot.

Vom alten Bauer[n], der hinter den Ofen ackern fuhr

Es war einmal ein alter Bauer, der nahm. seinen Pflug und fuhr hinter den Ofen ackern; er ackerte lange, lange; da fand er nur einmal eine große Truhe. „Was wird darinnen sein?“ dachte er; er hätte das gerne gewußt. Die Truhe aber war zu und hatte ein dickes Schloß; er ging nun und holte einen Schlosser mit vielen Schlüsseln. Dieser nahm den größten Schlüssel, der paßte gerade und schloß auf. Was sehen sie: In der Truhe war noch eine Truhe und diese auch geschlossen; der Schlosser nahm den zweiten Schlüssel und sperrte auf. Da fanden sie wieder eine Lade, und [so] ging es nun noch lange fort; in der Lade wieder eine Lade, und immer eine schöner wie die andre;
zuletzt kamen sie auch auf ein kleines goldnes Lädchen, aber nun hatte der Schlosser keine Schlüssel mehr; er nahm eine goldne Stecknadel, machte daraus ein Schlüsselchen und sperrte auf. Nun sahen sie endlich das große Wunder: Da war ein kleines goldnes Kälbchen, das hatte den Schwanz sich abgenagt, bis auf ein kleines winziges Stümpfchen. Wäre das Stümpfchen länger gewest, so wäre auch mein Verzählchen länger gewest!

Die beiden Prahler und der Bescheidene

Drei Studenten, die aus einem Dorfe waren, kamen nach Hause und hielten bei dem Pfarrer um die erledigte Lehrerstelle an. Der Pfarrer aber sagte: Er müsse erst wissen, was jeder von ihnen gelernt hätte, um die Stelle dann dem Würdigsten zu verleihen. Da sprach der erste ganz stolz: „Herr Pfarrer! Ich habe so viel gelernt, daß ich in zehn Jahren das nicht erzählen könnte, was ich weiß!“ Der zweite sprach noch hochmütiger: „Das ist alles blutwenig; ich aber habe so viel gelernt, daß man’s nicht niederschreiben könnte, wenn das Meer lauter Tinte und der ganze Himmel Papier wäre.“ Der dritte sagte ganz bescheiden: „Herr Pfarrer! Ich habe zwar immer gelernt, aber das, was ich weiß, ist so wenig gegen das, was man wissen kann, daß es fast nichts ist!“ Da antwortete der Pfarrer: „Ihr, die ihr alles gelernt habt, könnt überall in der Welt euer Fortkommen finden; es ist aber nur recht und billig, daß wir für den sorgen, der das nicht kann!“
So wurde der Bescheidene Schulmeister; die Prahler aber zogen mit Schande ab und halten noch immer in der Welt ihre Gelehrsamkeit feil.